
🔍 6 Mythen über das öffentliche Beschaffungswesen Prozorro: was stimmt und was nicht
Die öffentliche Beschaffung in der Ukraine war lange Zeit mit Papierkram, Hinterzimmerabsprachen und null Transparenz verbunden. Der Start von Prozorro im Jahr 2016 hat dieses Bild gewendet, doch ein Restbestand an Mythen hält sich hartnäckig.
„Das ist alles viel zu kompliziert", „das ist nur etwas für Großunternehmen", „ohne Spezialwissen kommt man da nicht rein", kommt Ihnen das bekannt vor? Diese Sätze wandern von Gespräch zu Gespräch und schneiden Hunderte Unternehmer von einem realen öffentlichen Beschaffungsmarkt mit Billionenumsätzen ab.
Im Folgenden nehmen wir die sechs hartnäckigsten Mythen über Prozorro ohne Beschönigung auseinander und zeigen, wie das System 2026 tatsächlich funktioniert.
💡 Kurzer Überblick:
- Der Einstieg bei Prozorro bedeutet nicht, sich auf dem Portal selbst zu registrieren, sondern einen von 12 akkreditierten Marktplätzen auszuwählen und in wenigen Minuten ein Konto einzurichten.
- Das System steht jedem Unternehmen offen: vom Einzelunternehmer bis zum Konzern; 3,5 Millionen Beschaffungen liefen 2024 darüber.
- Für die Teilnahme an Auktionen ist kein Spezialwissen nötig: Die Oberfläche der Plattformen ist intuitiv, und der Ablauf wird Schritt für Schritt erklärt.
- Prozorro ist nicht nur für Lieferanten da: Staatliche Einrichtungen nutzen es als ihren primären Kanal, um verlässliche Vertragspartner zu finden.
- Automatisierte Datenanalyse und die öffentliche Natur jeder Ausschreibung haben Korruptionsrisiken auf ein Minimum reduziert.
1. Mythos eins: Der Einstieg ins System ist kompliziert und undurchschaubar

Die häufigste Hürde, über die Neueinsteiger stolpern. Sie lautet: „Prozorro ist irgendeine staatliche Website mit digitalen Signaturen, Scan-Bergen und einer Woche Wartezeit."
Die Realität ist weitaus einfacher. Es gibt keine Registrierung auf dem Portal prozorro.gov.ua, und sie ist auch nicht nötig. Alle Vorgänge laufen über akkreditierte elektronische Plattformen. Derzeit gibt es 12 davon: von E-Tender bis Zakupki.Prom.ua. Sie wählen einfach einen passenden Marktplatz aus, registrieren sich (mit denselben Angaben, die Sie für jeden Onlinedienst machen würden) und erhalten über Ihr persönliches Konto Zugang zu allen Ausschreibungen des Systems.
Für einen schnellen Start gehen Sie einfach auf die Plattform E-Tender und wählen die Option „Prozorro-Login". Login, Passwort, grundlegende Unternehmensdaten, und Sie sind drin. Der gesamte Vorgang dauert 10 bis 15 Minuten, nicht Tage.
Falls Sie an irgendeinem Schritt hängen bleiben: Jede Plattform verfügt über einen Support mit persönlichen Beratern. Sie müssen kein IT-Spezialist sein, um sich zurechtzufinden.
2. Mythos zwei: Prozorro ist nur für große Unternehmen
„Mit unserem Umsatz können wir doch gar nicht mithalten, da gibt es Millionen-Hrywnja-Aufträge und Dumping der Großen." Dieser Mythos verdient es, als erster entkräftet zu werden.
In Wirklichkeit deckt das System das gesamte Spektrum ab, von der Lieferung von Büroklammern an einen Gemeinderat bis zum Brückenbau. 2024 überstieg der Erwartungswert der bekannt gemachten Beschaffungen 816 Milliarden Hrywnja, und die Zahl der Lieferanten erreichte 165.000. Darunter sind Kleinstunternehmen, mittelständische Firmen und Konzerne.
Kleine Unternehmen gewinnen oft dank ihrer Flexibilität: lokale Präsenz, schnelle Reaktionszeit, persönlicher Service. Ausschreibungen mit geringem Volumen sind für große Akteure schlicht uninteressant, für einen kleinen Unternehmer hingegen ein stetiger Auftragsstrom.
Prozorro unterscheidet die Teilnehmer nicht nach Größe. Es unterscheidet sie nach der Qualität ihres Angebots und dem Preis.
3. Mythos drei: Die Registrierung ist ein langer und mühsamer Prozess

Ein Klischee aus der Vergangenheit, als öffentliche Beschaffung tatsächlich Aktenstapel und Schlangestehen erforderte.
Heute ist die Registrierung auf einer elektronischen Plattform nicht schwieriger als die Eröffnung eines Online-Banking-Kontos. Sie benötigen: eine digitale Signatur (wird einmalig beim Finanzamt oder über eine Bank ausgestellt), die Gründungsdokumente Ihres Unternehmens und fünf Minuten zum Ausfüllen eines Formulars.
Die meisten Plattformen führen den Nutzer mit Hinweisen durch die Schritte. Vom Start bis zur Abgabe des ersten Angebots vergehen ein bis zwei Tage, und das liegt überwiegend an der Beschaffung der digitalen Signatur (sofern Sie noch keine besitzen). Danach heißt es nur noch: einloggen und arbeiten.
Das System wurde gezielt so konzipiert, dass die Einstiegshürde so niedrig wie möglich bleibt. Andernfalls hätten es 39.000 staatliche Einkäufer und 165.000 Lieferanten nicht angenommen.
4. Mythos vier: Für die Auktionen braucht man Spezialwissen
„Die Ausschreibungsunterlagen umfassen 200 Seiten", „man muss die rechtlichen Vorschriften in- und auswendig kennen", „ohne einen Ausschreibungsspezialisten geht es nicht." Schauergeschichten, die Neueinsteiger abschrecken.
Die Wahrheit: Die Oberfläche der Prozorro-Plattformen ist nach dem Prinzip „Felder ausfüllen und absenden" aufgebaut. Sie sehen das Los, seine Bedingungen und die Fristen. Das System zeigt Ihnen selbst an, welche Dokumente Sie anhängen müssen. Die Auktion läuft in Echtzeit ab: Sie sehen die Gebote der Mitbewerber und können reagieren.
Ein typischer Teilnehmerzyklus sieht so aus: passende Ausschreibung gefunden → Anforderungen geprüft (in der Regel 5 bis 10 Seiten) → Preisangebot vorbereitet → eingereicht → auf die Auktion gewartet → bei Bedarf einen Schritt nach unten gegangen.
Keine Zauberei. Wenn Sie schon einmal eine Steuererklärung online abgegeben haben, kommen Sie mit Prozorro zurecht. Und für diejenigen, die den Prozess mit einem Kursleiter durchlaufen möchten, bietet die Plattform Diia.Education einen kostenlosen Kurs „Prozorro Tenders for Beginners" auf Englisch an.
5. Mythos fünf: Prozorro ist nur für Lieferanten
Eine weitere Verzerrung. Ja, Lieferanten sind die sichtbarste Zielgruppe: Sie suchen Ausschreibungen, bieten und gewinnen. Aber die andere Hälfte des Systems, die staatlichen Einkäufer, ist nicht weniger wichtig.
Für eine staatliche Einrichtung ist Prozorro:
- ein einheitliches Fenster, in dem alle potenziellen Lieferanten der benötigten Waren oder Dienstleistungen sichtbar sind;
- automatischer Vergleich der Angebote nach Preis und Konditionen;
- eine transparente Auktion, die „abgesprochene" Zuschläge ausschließt;
- ein Archiv aller Verfahren für Berichtswesen und Prüfung.
39.000 staatliche Einkäufer, von Ministerien bis zu Dorfschulen, nutzen Prozorro täglich, um Auftragnehmer für alles zu finden: von der Dachreparatur bis zur Beschaffung von IT-Ausrüstung. Das System funktioniert in beide Richtungen gleichermaßen gut.
6. Mythos sechs: Prozorro ist ineffektiv, es wimmelt dort immer noch von Verstößen
Der heikelste Punkt. Die Skepsis ist verständlich: Jahrzehntelang war die öffentliche Beschaffung in der Ukraine ein Synonym für Korruption.
Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Prozorro wurde von Anfang an nach dem Prinzip „jeder sieht alles" aufgebaut. Jede Ausschreibung ist öffentlich, von der Bekanntmachung bis zur Vertragsunterzeichnung. Journalisten, Aktivisten und Wettbewerber überwachen das System in Echtzeit.
Im Hintergrund läuft eine automatisierte Risikoanalyse: Algorithmen kennzeichnen verdächtige Muster, ungewöhnlich kurze Fristen, seltsame Eignungskriterien und Anzeichen von Absprachen. Verdächtige Beschaffungen werden zur manuellen Überprüfung hervorgehoben.
Seit 2020 ist Prozorro Market in Betrieb, ein elektronischer Katalog für Standardwaren, in dem der Staat ohne Ausschreibungen zu Festpreisen einkauft. Anfang 2025 überstieg der Umsatz des Katalogs 100 Milliarden Hrywnja, und die Teilnahme von mehr als 6.000 Unternehmern sparte dem Haushalt 12,5 Milliarden.
Das bedeutet nicht, dass es überhaupt keine Verstöße gibt. Aber ihr Anteil sinkt stetig, und die Kosten für Manipulationsversuche sind drastisch gestiegen: Offenheit und automatisierte Überwachung wirken abschreckend.
🎥 Video: Wie Prozorro die Spielregeln verändert
Für alle, die das System mit den Augen seines Leiters sehen möchten, ein kurzes englischsprachiges Interview mit Vasyl Zadvornyi, CEO von Prozorro:
⁉️🤔 Häufig gestellte Fragen
Was kostet einen Lieferanten die Teilnahme an Prozorro?
Die Teilnahme an Prozorro ist kostenlos. Plattformen können vom Zuschlagsempfänger eine Provision erheben (ein geringer Prozentsatz der Auftragssumme), aber Registrierung und Angebotsabgabe kosten nichts. Die Ausgaben beschränken sich auf die einmalige Ausstellung einer digitalen Signatur; die Kosten hängen vom Diensteanbieter ab.
Kann ein ausländisches Unternehmen an Prozorro teilnehmen?
Ja. Seit 2026 ist Prozorro vollständig mit den EU-Standards synchronisiert. Ein ausländischer Lieferant registriert sich über eine beliebige akkreditierte Plattform, und die Oberfläche ist auf Englisch verfügbar. Bestimmte Ausschreibungen werden gezielt mit dem Vermerk „offen für ausländische Bieter" veröffentlicht, insbesondere im Bereich Infrastrukturwiederaufbau.
Worin unterscheidet sich Prozorro von Prozorro Market?
Prozorro ist ein Ausschreibungssystem: Eine Beschaffung wird bekannt gemacht, Lieferanten konkurrieren über den Preis, und ein Gewinner wird ermittelt. Prozorro Market ist ein elektronischer Katalog innerhalb von Prozorro, in dem der Staat Standardwaren (Papier, Kraftstoff, Büroausstattung) zu Festpreisen ohne Auktion kauft. Market ist schneller, eignet sich aber nur für Standardartikel.
Was soll ich tun, wenn ich einen Verstoß in einer Ausschreibung bemerke?
Das System erlaubt es, direkt über die Plattformoberfläche eine Beschwerde einzureichen. Die Beschwerde geht an das Antimonopolkomitee (AMKU), das sie innerhalb von 15 Werktagen prüft. Die meisten begründeten Einsprüche werden stattgegeben; das Instrument funktioniert.
Ersetzt Prozorro die direkte Verhandlung mit dem Einkäufer?
Nein. Prozorro ist ein Kanal zur Auftragsfindung, kein Ersatz für Geschäftsbeziehungen. Der Zuschlag ist nur der Anfang: Danach folgt die ganz normale Arbeit im Rahmen des Vertrags. Aber das System beseitigt vollständig die Frage „Wie finde ich einen staatlichen Einkäufer?", sie sind alle bereits hier.
Das Fazit: Wer Prozorro nutzen sollte und warum
Prozorro ist weder ein magisches Portal noch ein bürokratisches Labyrinth. Es ist ein funktionierendes Werkzeug, das einen 10-jährigen Weg von einer ambitionierten Reform zur alltäglichen Infrastruktur zurückgelegt hat, die jährlich eine Billion Hrywnja abwickelt.
Wenn Sie Lieferant sind und staatliche Aufträge immer noch meiden, überlassen Sie 2026 einen Markt mit 165.000 Akteuren Ihren Wettbewerbern. Wenn Sie staatlicher Einkäufer sind und immer noch „per Telefonanruf" agieren, riskieren Sie sowohl Ihr Budget als auch Ihren Ruf.
Die sechs Mythen oben sind genau das, was zwischen Ihnen und Ihrer ersten Ausschreibung steht. Wählen Sie eine Plattform (E-Tender, Zakupki.Prom.ua oder eine der anderen 12 akkreditierten), registrieren Sie sich und testen Sie es an einem kleinen Los. Überzeugen Sie sich selbst: Prozorro funktioniert.



